Gehörlosigkeit

„Lippenlesen ist meine Muttersprache"

Gehörlose sind nicht gleich Gehörlose – Wie still ist meine Welt?

Kein Ei gleicht dem anderen. Es gibt verschiedene Gehörlose: Einer verständigt sich ausschließlich über die Gebärdensprache, ein anderer kann zusätzlich die Lippen ablesen und hat das Sprechen gelernt. Auch ist es ein Unterschied, ob ein Mensch hörgeschädigt ist, sein Gehör im Laufe seines Lebens verliert oder gehörlos auf die Welt kommt. So ist es zum Beispiel für Schwerhörige viel leichter, das Sprechen zu erlernen, da sie die Stimme hören können. Man kann also nicht von einem auf den anderen Menschen schließen und muss jeden separat betrachten.

Kein Hupen, kein Flug- oder Maschinenlärm, keine Sprachfetzen – Gehörlose Menschen sind stolz darauf, in dieser Welt zu leben. Sie finden es schön, die Welt mit ihren Augen zu erkunden und durch diese Stille zu wandeln.

Im Alltag ergeben sich zwischen den zwei Welten leider oft Probleme: Hörende Menschen vergessen beispielsweise oft, dass man eine Person ohne Gehör nicht einfach rufen kann. Augenkontakt oder eine kurze Berührung sind wichtig, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Gehörlose Menschen sind also nicht unhöflich, sondern sie kriegen manche Situationen einfach nicht mit.“

Auch ist es für jemanden wie mich schwierig, wenn man in einer großen Gruppe am Tisch sitzt. Wer spricht gerade? Wessen Lippen lese ich als erstes ab? Was habe ich währenddessen verpasst, damit der Inhalt der Sätze einen Sinn ergibt? Warum lachen plötzlich alle? Für einen Menschen ohne Gehör ist so ein Abend wie ein Tennismatch, bei dem allerdings nicht nur zwei, sondern sechs Menschen mitspielen und obendrein mehrere Bälle hin- und herfliegen.

Für mich ist Kommunikation ein tägliches Puzzlespiel.“

Jeder Mensch hat andere Lippen und bewegt sie auf seine Weise. Daran muss ich mich anfangs immer erst gewöhnen. Wenn sich jemand mit mir unterhält und ich ein Wort nicht direkt ablesen kann, da es einem anderen sehr ähnelt (zum Beispiel Mutter, Butter, Futter, Kutter), muss ich den Worten weiter folgen und mir parallel dazu den Inhalt zusammenreimen. Deshalb hilft es mir sehr, wenn ein Satz, den ich nicht richtig verstanden habe, exakt so wiederholt wird. Auch lange komplizierte Fremdwörter erschweren das Lippenlesen. Wenn man so will, ist Klartext immer am besten.

Ziemlich cool ist, dass Lippenlesen in Situationen funktioniert, in denen es eigentlich unmöglich ist, zu kommunizieren. Sie stehen in einer belebten, lauten Bar weit von mir entfernt und fragen mich, was ich trinken will? Mai Tai! Oder stellen Sie sich eine Demonstration vor: Mehrere Polizisten unterhalten sich. Niemand bekommt etwas mit. Ich schon. Und noch ein Beispiel: Im Fernsehen läuft ein Beitrag über die Fußballnationalmannschaft und man sieht lediglich Bilder der Ansprache von Jogi Löw. Ich kann trotzdem verstehen, was er sagt. Für mich ist das völlig normal, denn:

„Lippenlesen ist meine Muttersprache.“

Viele Menschen vergessen häufig im Gespräch, dass ich gehörlos bin und fangen an, den Kopf zu stark zu bewegen und reden, während sie mir nicht in die Augen schauen. Das macht es schwierig für mich.

Deshalb: Jeder Mensch tickt anders. Zum Glück. Und deshalb ist es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass man Gehörlose nicht in eine Schublade stecken kann.